Die Medienmeldung präsentiert sich als Überraschung. Der Kanton St. Gallen soll in der Spitalregion Wil-Wattwil mit einem Kredit von 13 Millionen einen Konkurs verhindern. Natürlich muss dieser Kredit gewährt werden, die Mitarbeiter der beiden Spitäler dürfen nicht als Folge einer krassen Fehlplanung einfach auf die Strasse gestellt werden. Doch ist es eine Überraschung?

Vor 10 Jahren hat mein Chefarzt-Kollege Thomas Cerny öffentlich vor diesem Szenario gewarnt (NZZ 23.8.09). Wir hatten in der Schweiz damals mehr als 300 Spitäler und er hat basierend auf Internationalen Vergleichen und einem Studium der Trends in der Medizin vorgerechnet, in der Schweiz brauche es vielleicht 100 Spitäler, nicht mehr.

Medizinische Fachkenntnis nicht gefragt
Diese Aussage stand im Gegensatz zum Wahlversprechen seiner damaligen Chefin, wonach im Kanton kein Spital geschlossen werden soll. Er wurde damals aufgefordert, öffentlich keine solchen Statements mehr abzugeben. Wir Mediziner, mit der Materie und den Entwicklungen der sich rasch wandelnden Medizin vertraut, sollten also nicht mehr in den Prozess eingreifen, und dies besser der Politik überlassen.

Betonierung der Neun Standorte
Die Politik hat gehandelt. Fünf Jahre später wurde eine Spitalvorlage verabschiedet,  mit welcher durch Neubauten in allen Spitälern die 9-Standort-Strategie betoniert wurde. Das hat der Kantonsrat auf Empfehlung der Regierung so verabschiedet und dem Volk die Neubaukredite zur Abstimmung vorgelegt. Doch damals schon war klar, dass das beschlossene Vorgehen die Spitalregion Wil-Wattwil zwingend in ein Defizit bringen wird. Mein glp-Kollege und damalige Kantonsrat Nils Rickert hat im Rat darauf hingewiesen, dass der Regierungsbericht zum Spital Wattwil selbst von einem Defizit für dieses Spital ausgehe doch dass die Regierung gemeint hätte, „dass dies zu packen sei“. Er hat damals im Kantonsrat in seinem Votum vom 26.2.14 darauf hingewiesen, und im Rat angekündigt: „..und wir werden in Zukunft, wenn die Anfrage nach Subventionen käme, diese Aussage sicher wieder hervorgraben und in die Diskussion einbringen“ (Zitat um Minute 2:30 des Votums).

Jeder Region ihr eigenes Spital
Wir ahnten somit seit bereits vor 10 Jahren und wussten es schon präziser vor 5 Jahren, dass die heute beantragte Defizitgarantie zwangsläufig kommen muss. Der Kantonsrat hat damals aber – im Wissen um diese strukturellen Probleme – bewusst im Interesse der einzelnen Regionen diese Entscheidung für die Spitalregionen gefällt und die Vorlage den Status Quo betoniert.

Dass sich jetzt die Parteien darüber aufregen, dass man jetzt „plötzlich“ Geld nachschieben müsse, ist überraschend. Diese Konsequenz war Teil der Vorlage. Vorgetragen von der Regierung und verabschiedet vom Parlament.

Vielleicht sollten Politiker auch auf Fachleute hören
Wir Mediziner haben damals gefordert, dass man eine ganz neue Spitalversorgung im Kanton planen müsse. Wir hatten auch gefordert, dass man grenzübergreifend mit anderen Kantonen handeln soll. Und wir hatten auch gefordert, dass man die Bettenkapazitäten abbauen, dafür ambulante Zentren aufbauen soll. Auch spezialisierte Einheiten oder Pflegeeinrichtungen hätten als vernünftige Auswege, im Interesse der einzelnen Regionen intelligent geplant werden können.

Kein Alternativszenario

Fatal an dieser Fehlplanung ist nicht nur die Betonierung von falschen Strukturen – dies wird uns am Ende vielleicht 80 Mio Abschreibung kosten. Das Problem ist, dass wir nun all die 10 Jahre keine Alternativen entwickelt haben. Auf meiner Velotour um den Kanton St. Gallen habe ich mehrfach mit Personen vor Ort die Spitalsituation angesprochen. In Walenstadt hat das Volk jetzt gerade ein Projekt für ein Pflegeheim bewilligt – aus der Überzeugung, dass das Spital Walenstadt Akutspital bleibt. Hätte man da nicht besser planen können?

In Wattwil entwickeln meine Kolleginnen und Kollegen nun interessante Alternativmodelle mit integrierter ambulanter Versorgung und spezialisierten für Patienten aus dem ganzen Kanton zuständigen Rehabilitationsangeboten. Doch solche Szenarien müssen langfristig und überregional geplant werden um erfolgreich zu sein. Wir hätten vor 10 Jahr damit beginnen können. Und jetzt schreien alle nach dringlichen Massnahmen. Und wir Mediziner sollen uns jetzt um mögliche Lösungsansätze kümmern. Aha, jetzt sind wir plötzlich wieder gefragt. Danke!